Nachhilfe von Max

Gute Mathe-Nachhilfe darf kein Luxus sein. Interview mit Malte Poppensieker

Malte Poppensieker erklärt im Interview, warum gute Mathe-Nachhilfe bezahlbar werden muss und wie Brainie KI für besseren Lernerfolg nutzt.

Porträt von Malte Poppensieker vor einem hellen Gebäude.

Für den Brainie-Blog hat unser Web-Redakteur Max Hörügel mit Malte Poppensieker gesprochen: über seinen Weg vom Tech-Management eines internationalen Nachhilfe-Anbieters zur Gründung von Brainie, über die Probleme des Bildungssystems und von klassischer Nachhilfe sowie über das Potenzial von KI im Bildungsbereich.

Hallo Malte! Erste Frage: Was läuft aus deiner Sicht in der Bildung aktuell falsch?

Malte Poppensieker: Wir sehen seit einigen Jahren, dass die PISA-Ergebnisse wieder runtergehen, und das deckt sich mit diversen anderen Studien und Erhebungen. Die Kenntnisstände in der Schule verschlechtern sich und dafür gibt es eine ganze Reihe von Gründen. Da ist sicherlich einmal der Bereich Finanzen: Es steckt einfach zu wenig Geld im Bildungsbereich. In einer alternden Gesellschaft fließen viele Mittel in ältere Generationen, während Ausgaben für junge Menschen aus meiner Sicht zu kurz kommen, und das macht sich natürlich in den Schulen bemerkbar.

Und dazu kommt, dass die Lehrkräfte mit immer mehr Herausforderungen umgehen müssen: Teilweise sitzen Kinder in den Klassen, die kaum Deutsch sprechen, die natürlich anders betreut werden müssen und manche Kinder bringen von Haus aus nicht mehr die grundlegenden Fähigkeiten mit, die früher selbstverständlich waren. Darauf muss man Rücksicht nehmen, aber gleichzeitig soll man auch den Leistungsstärksten Mathe auf einem höheren Level beibringen, sodass sie sich nicht langweilen. Das alles unter einen Hut zu bringen ist dann für eine einzelne Lehrkraft unheimlich schwierig. Die Lehrkräfte müssen sich also mit Problemen auseinandersetzen, die es in der Vergangenheit nicht gab und gleichzeitig gehen die Mittel runter. Das ist keine gute Mischung.

Und weil es im Bildungssystem allgemein nicht gut läuft, ist Nachhilfe ein stark gefragtes Angebot, das aber sehr teuer ist und das sich einfach nicht alle leisten können. Und weil es so ein exklusiver Service ist, hat man teilweise ganz fitte Kinder aus wohlhabenden Familien, die mit Nachhilfe noch weiter gepusht werden und andererseits Kinder, die geflüchtet sind, die es so schon sehr schwer haben, sich in einem neuen Land zurechtzufinden und die kaum Deutsch sprechen. Und das ist eine sehr schwierige Mischung, um in einer Klasse gute Ergebnisse zu erzielen.

Kam bei dir zuerst dieses Problembewusstsein oder die Idee, dass man mit KI ein Produkt im Bildungssektor entwickeln könnte?

Malte Poppensieker: Das Problem war mir sehr viel früher bewusst. Ich habe vorher bei einem klassischen Nachhilfeanbieter gearbeitet. Wir haben persönliche Online-Nachhilfe gemacht und da habe ich auch gesehen, wie gut persönliche Eins-zu-eins-Nachhilfe funktioniert. Da gab es Kinder, die im Unterricht überhaupt nicht mehr mitkamen und dann nach wenigen Monaten Nachhilfe in der besseren Hälfte der Klasse waren. Ich habe aber auch gesehen, wie exklusiv dieses Produkt ist, weil ich auch wusste, was wir damals an Stundensätzen genommen haben, die für normale Haushalte mit mehreren Kindern fast unbezahlbar waren. Das Problem war mir damals also immer bewusst, aber es gab nicht so eine richtig klare Lösung dafür.

Andererseits gab es immer schon Selbstlernsysteme, die günstig und immer verfügbar waren, aber nicht effektiv. Das waren keine Apps, die jemand mal schnell zusammenprogrammiert hatte, sondern diese Selbstlern-Apps hatten teilweise über ein Jahrzehnt Entwicklung hinter sich, in dem viele smarte Leute viel Zeit in sie investiert hatten. Trotzdem waren sie einfach nicht effektiv genug, was den Lernerfolg anging. Die Frage war also: Was soll man noch besser machen, wenn das schon so ausgereifte Produkte sind und sie trotzdem nicht funktionieren? Es gibt sicherlich auch Gegenbeispiele, die damals schon einen positiven Effekt hatten, wie Duolingo, aber die zielen eher auf den Casual-Markt, nicht auf den Schulmarkt, ab.

Also das Problembewusstsein war bei mir immer da: Persönliche Nachhilfe ist zu teuer und Selbstlernsysteme zu ineffektiv. Aber damals, vor dem KI-Boom, gab es keine offensichtliche Lösung.

Wie kam es dann dazu, dass du gedacht hast: „Okay, mit KI könnte man das ganz anders angehen?“

Malte Poppensieker: Das war, als es diesen ChatGPT-Moment gab. Ich habe das schon vorher verfolgt, weil ich an KI schon zu Studienzeiten geforscht hatte. Deshalb hatte ich schon vor dem KI-Hype gesehen, wie sich die Dinge entwickeln. Aber durch ChatGPT gab es einen Moment, wo die ganze Entwicklung recht plötzlich einen richtig großen Sprung gemacht hat und das hat unheimlich viel ausgelöst. Ich habe damals angefangen, zu überlegen: Was sind die Möglichkeiten, wenn sich das weiterentwickelt? Wir haben innerhalb meiner alten Firma überlegt, wie das unser Geschäft verbessern kann, etwa durch KI-generiertes Unterstützungsmaterial wie Lehrpläne und Arbeitsblätter. In meiner Firma wurde KI eher als Unterstützungstool gesehen, aber ich habe immer gedacht, dass man eigentlich ein eigenständiges Produkt damit entwickeln könnte.

Und der Sprung in der KI-Entwicklung wurde dann die offensichtliche Lösung für das Nachhilfeproblem. Ich habe dann unheimlich viel mit KI-gestützter Nachhilfe herumexperimentiert. Ich habe einfache Sachen zusammengebastelt und Prototypen gebaut. Das war noch ganz simpel, um erst einmal zu schauen, was man damit machen könnte, und da ist dann die Erkenntnis für mich gereift: Da geht was, das kann funktionieren. Damals waren die Dinge noch viel unausgereifter und es gab einfach sehr viel mehr Fragezeichen über diese ganze Thematik. ChatGPT war draußen und konnte z.B. einen Text über Romeo und Julia schreiben, die nach Shanghai reisen. Aber das war ja noch lange nicht das Level, auf dem auch qualitativ hochwertige Nachhilfe aufbaubar ist. Halluzinationen waren auch noch ein Riesenthema. Ständig kamen irgendwelche falschen Ergebnisse raus. Gerade im mathematischen Bereich war die Zuverlässigkeit sehr niedrig. Und dieses Problem mit der niedrigen pädagogischen Qualität hält sich bis heute, denn die LLMs sind ausgelegt als Frage-Antwort-Maschine. Und deshalb habe ich dann angefangen zu überlegen, wie kann ein KI-System so mit Anreicherung arbeiten, dass sich diese Qualitätsprobleme beheben lassen?

Und dann kam die Idee mit Brainie als Verbindung von der pädagogischen Qualität eines Nachhilfelehrers und der KI als Chatbot. Wie bist du vorgegangen? Hast du dir erst ein Team zusammengesucht oder hast du erst einmal angefangen, einen Prototypen zu bauen?

Malte Poppensieker: Anfangs lief das nebenher, ich habe mit unserem CTO primär zu zweit dran gearbeitet und durchkonzipiert, was wir überhaupt wollten. Und parallel haben wir auch schon überlegt, wer das für uns entwickeln kann, denn für uns war klar, dass wir zu zweit sonst ewig damit beschäftigt wären. Deshalb haben wir uns Gelder beschafft: Wir haben selbst investiert und andere Investments eingesammelt und haben mit diesem Geld dann die Entwickler bezahlt.

Und danach haben wir die ganze Basis aufgebaut, auf der unser jetziges System auch immer noch steht, und darauf einen recht simplen Chatbot mit einer ganz simplen Oberfläche gesetzt. In der ersten Phase wollten wir erst einmal herausfinden: Geht das überhaupt? Also, kriegen wir da eigentlich die Qualität geliefert, die wir gerne liefern wollen? Und wir haben ganz bewusst aus dieser ersten Version alles herausgestrichen, was nicht unbedingt nötig war.

Wann gab es den Punkt, an dem du gemerkt hast: Jetzt funktioniert es, jetzt ist die Idee real geworden?

Malte Poppensieker: Also ich glaube so richtig real geworden ist es erst am Anfang dieses Jahres. Der Chatbot vorher war kein richtiges, vollwertiges Produkt. Er hatte diese Kernfunktionalität, die wir letztendlich zeigen wollten, aber darüber hinaus hat unheimlich viel gefehlt. Wir haben dann über das letzte Jahr an der zweiten Version gearbeitet und da kamen dann zwei Dinge zusammen. Einmal ein umfangreicher Neubau des Systems. Der alte Chatbot war unheimlich starr. Der konnte die Nutzer nur durch einen vorgegebenen Pfad ziehen und das war alles. Er konnte nicht links und rechts gehen und als wir die ersten Nutzer hatten, merkten wir, dass das ein Riesenproblem war, weil die links und rechts gehen wollten.

Hast du ein Beispiel?

Malte Poppensieker: Teilweise waren das so Sachen, wo die Nutzer nur gesagt haben: „Okay, alles klar, habe ich verstanden, lass uns mal zur nächsten Aufgabe gehen.“ Und das konnte der Chatbot dann nicht. Also am Anfang hast du eine Themenauswahl gemacht und dann war er auf den Pfad festgelegt: Ich lerne jetzt dieses Thema mit dir und da konnte der nicht mehr raus. Also das System war total starr und die Nutzer wollten mehr Einfluss darauf haben, was passiert. Und die zweite Version, die wir dann kreiert haben, hat alles viel flexibler gestaltet. Dafür haben wir das ganze System noch mal neu gebaut und jetzt war das Verhalten eigentlich viel mehr so, wie wir das wollten.

Und das dritte, was dann kam, war das grafische Redesign. Und als diese beiden Sachen zusammenkamen Anfang dieses Jahres, das war der Punkt, an dem ich dachte: Das ist so, wie ich das gerne hätte. Da hatten wir schließlich auch lange drauf hingearbeitet.

Gab es in diesen letzten zwei bis drei Jahren Momente, die dich besonders motiviert haben oder Momente, in denen du dachtest: “Ich habe mich hier verrannt”?

Malte Poppensieker: Ja, das gab es alles. Also verrannt haben wir uns immer wieder mit irgendwelchen Sachen, wo wir dachten, das ist total wichtig und dann stellte sich das als gar nicht wichtig heraus – oder umgekehrt. Wir haben immer mal Fehlentscheidungen getroffen, aber auf der anderen Seite ist es auch immer ein iterativer Prozess. Manche Sachen muss man einfach machen und wenn man dann merkt, das funktioniert nicht so richtig, dann macht man sie noch mal. Zum Beispiel haben wir gesehen, dass gewisse Dinge in der Benutzeroberfläche nicht funktioniert haben oder wir haben gesehen, dass eine Nachfrage da war für Dinge, die wir so nicht auf dem Schirm hatten. Ich sehe das nicht unbedingt immer als Verrennen. Der Anspruch sollte nicht sein, immer alles perfekt zu machen und sonst gar nichts. Ich sehe immer Mehrwert darin, etwas einfach zu machen, auch wenn es noch nicht perfekt ist, weil man daraus mehr Erkenntnisse zieht, als wenn man direkt auf die perfekte Lösung wartet. Und befriedigende, motivierende Momente gab es auf jeden Fall auch viele. Zum Beispiel, als wir beaufsichtigte Sessions mit Testnutzern angeboten haben und man beim Auswerten der Sessions gemerkt hat, dass das System funktioniert.

Also daran hattet ihr gesehen, das funktioniert wirklich und Leute lernen damit etwas?

Malte Poppensieker: Ja, genau, da ist zum Beispiel jemand 50 Minuten im System und man sieht den Fortschritt – mit jeder Aufgabe versteht er das besser. Das ist das, was wir letztendlich erreichen wollen. Und so etwas gibt mir immer einen Push, zu sehen, wir sind auf dem richtigen Weg, das was wir hier machen, funktioniert und hilft Leuten wirklich.

Wie geht es jetzt weiter? Was ist deine Vision für die nächsten Monate bis Jahre mit Brainie?

Malte Poppensieker: Das Kernsystem ist jetzt fertig. Was den Content angeht, die Character-Animationen und die Navigation gibt es noch ein paar Baustellen, mit denen wir in den nächsten Wochen durch sein werden. Wir sind also sehr nah dran, ein fertiges Produkt zu haben, was man in großem Maßstab auf den Markt bringen kann. Und dann haben wir natürlich unendlich viele Ideen, was wir alles noch machen können. Das Thema Gamification steht uns noch bevor, das ist im Moment noch recht rudimentär. Die wissenschaftlichen Meinungen sind gespalten, ob das aus pädagogischer Sicht Nutzen bringt oder nicht. Aber es ist relativ klar, dass es mehr Spaß macht. Wir wollen nicht nur ein System schaffen, das pädagogisch liefert, sondern idealerweise auch eines, das unseren Nutzern Spaß macht. Und dann steht das Thema Erweiterung an. Wir sind jetzt im Moment für die Jahrgänge 7 bis 10 aufgestellt, aber wir sollten auch die Abiturjahrgänge abdecken. Und auf der Inhaltsseite können wir noch sehr viel spezialisieren für einzelne Bundesländer. Wenn wir das geschafft haben, sind wir nicht so weit davon entfernt, dass auch spezifisch für Österreich und die Schweiz auszulegen – und dann sind wir auch schon beim Thema Internationalisierung. Das ist zurzeit noch ein mittelfristiges Ziel, das wir erst in den nächsten Jahren angehen werden, aber sicher ist, dass wir nicht bei Deutschland stehenbleiben.